Johannes-Gutenberg-Universität Mainz
 


Welcome to Black European Studies
 
Username:

Password:


Lost Password?

Register now!

Wer werde ich, wenn ich krank bin?

Christiane Hutson





Kranksein als individuelle Erfahrung zwingt uns zu einer Auseinandersetzung mit unserem Körper, unseren Vorstellungen über ihn und über uns selbst. Krankheit als (bio)politisches Machtfeld dient zur Verhandlung von Marginalisierungsstrategien wie auch von Rückzugsmöglichkeiten. Auf dieser Ebene kann Krankheit als gemeinschaft- und identitätenstiftendend verstanden werden. Innerhalb hegemonialer Globalisierungs- und Effizienzrethorik und -praxis wird Kranksein und Krankheit auf vertikaler und horizontaler gesellschaftlicher Ebene zunehmend als Risiko erfasst und erfahren.

Dies geschieht (noch immer) über eine geografische Situierung von Krankheiten, einhergehend mit ihrer ungleichen Verteilung zwischen Menschen. So manifestiert sich beispielsweise das lebensgefährliche Abenteuer der "Fremde" allein im Umfang der empfohlenen Reiseapotheke bzw. der Eintragungen im Impfpass und damit in der Vorstellung, dass die Welt "außerhalb" Europas und den USA krankheitserregend sei. Wobei Europa und die USA selbst als "hygienisch(er)" vorgestellt werden und allenfalls ein erhöhtes Allergie-Risiko bergen. Beipielhaft werden auf diese Weise Krankheiten ethnisch-geschlechtsspezifischen "Risiko"-Gruppen zugewiesen. Parallel dazu zeigt sich ein verstärktes Forschungsinteresse dahingehend, ethnisch-geschlechtsspezifsche Erkrankungsmuster physiologisch verorten zu können. Das ungleiche Risiko auf die eine oder andere Art zu erkranken ist also nicht zwingend kontingent, da es im Erkenntnismoment gruppenspezifischer Prädestination für bestimmte Krankheiten erscheint.

Beruht nun das Erkenntnismoment auf tradierten hegemonialen Blickregimen und/oder physiologischen Wirklichkeiten? Oder lassen sich physiologische Wirklichkeiten als ein Effekt hegemonialer Blickregime begreifen, oder andersherum?
Inwieweit sind physiologische Manifestationen von Krankheit überhaupt durch Ethnisierung, Rassifizierung und davon untrennbarer Vergeschlechtlichung determiniert? Inwieweit können diese Determinationsversuche als identitätsstiftende, (bio)politische Normalisierungsstrategien verstanden werden? Wie also ist die Trennlinie zwischen hegemonialer und heilender Krankheitszuweisung zu bestimmen, und wie kann sie von AkteurInnen im Forschungs-, Heilungs-, Erkrankungs- und Genesungsprozess reflektiert werden?

Diese Fragen bilden den Hintergrund für die individuelle Erfahrung der Nicht-Übereinstimmung des eigenen Körpers samt seiner Funktionen mit dem eigenen Selbstbild/ -verständnis und/ oder dem medizinischen/ heilenden Fremdbild.
Im Kontext von BEST entsteht für mich dabei ein Analyserahmen, innerhalb dessen die gemeinschaft- bzw. identitätsstiftende Funktion von Krankheit anhand qualitativer Interviews zu untersuchen ist. Dabei sollen folgende Fragen berücksichtigt werden:

  • Wie wird Krankheit/ körperliche Fehlfunktion aus schwarzer Position/ Perspektive erfahren und mitteilbar?

  • Inwieweit problematisieren Forschende, Heilende, Erkrankende und Genesende für bestimmte Ethnien, geografische Gebiete, "Rassen", Geschlechter spezifische Krankheiten/ körperliche Fehlfunktionen?

  • Auf welche Weise wird Weiß-Sein und Schwarz-Sein in Abgrenzung zueinander über Geschlecht mittels Krankheit markiert?

  • Wie wird diese Markierung jeweils erfahren, angenommen, abgewehrt und mitgeteilt?

  • Wem stehen welche Ressourcen in diesem Prozess zu Verfügung?


Bereits vorhandene Arbeiten/ Beispiele zur Verdeutlichung der Richtung meiner Fragestellung wären zum einen die geografisch, sexualisierte und rassifizierte Situierung von HIV/ AIDS oder die unproblematische Verwendung von Begriffen/ Formulierungen wie "Volks-" oder "Zivilisationskrankeiten", "Krankheiten in den Industrienationen". Oder einfach die Erfahrung als Afrodeutsche bei weißen deutschen Ärzten zu allererst (noch vor dem obligatorischen "Wie geht es Ihnen, was haben Sie?") "Woher kommen Sie? Können Sie mich verstehen?" gefragt zu werden. Schließlich ist davon auszugehen, dass dieses Platzierungsbegehren nicht nur in die Diagnose des Arztes, sondern auch in die Erfahrung von Krankheit mit einfließt.

Printer Friendly Page Send this Article to a Friend


© by Black European Studies 2005, provided by Synlabor.de,
hosted by Johannes Gutenberg Universität Mainz, Volkswagenstiftung