Johannes-Gutenberg-Universität Mainz
 


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Die Konstruktion der transnationalen Identität in den kulturellen Autobiographien der Schwarzen Deutschen

Marja-Leena Hakkarainen





Im Zentrum meiner Arbeit steht die Frage nach der afrikanischen Diaspora in Deutschland. Britische Kulturforscher wie Paul Gilroy, Stuart Hall und Kobena Mercer verbinden das Konzept der afrikanischen Diaspora mit einer transatlantischen Identität, die nicht auf eine essentielle Identität beharrt sondern um grenzhbergreifende Verbhndnisse bemhht ist. In meiner Arbeit geht es um die Frage der Konstruktion von neuen Identitäten mittels narrativer Verfahren. Meine These ist, dass darüber hinaus auch die deutsche Geschichte in den kulturellen Autobiographien der Afrodeutschen umgeschrieben und neu gedeutet wird.

Die Geschichte der Schwarzen Deutschen ist dabei sowohl mit Koloniserung und mit den weltweiten Migrationen als auch den beiden Weltkriegen verbunden. Viele der Afrodeutschen sind in Deutschland geboren, sprechen Deutsch als Muttersprache und sind deutsche Staatsbhrger, werden aber trotzdem aus der deutschen Gesellschaft ausgestossen. (Faymonville 367.) Ausgehend von Paul Gilroys Konzept des "Black Atlantic" versuche ich darzustellen, dass die schwarzen Deutschen wegen ihrer spezifischen Situierung im historischen Kontext einen besonders starken Hang zu transnationalen Alliancen hegen.(Vgl. Gilroy 19.) Während viele Diaspora-Gruppen eine duale Loyalität zu ihrer Heimat und zum Residenzland aufweisen, solidarisieren sich die Afrodeutschen eher sowohl mit anderen schwarzen Diasporen als auch mit anderen Minoritäten. In der postkolonialen Theorier wird kulturelle Hybridität oft als Lösung aus dem binären Oppositionszwang bewertet. (vgl. Hakkarainen 202.) Die autobiographischen Texte der Afrodeutschen zeigen jedoch, dass die kulturelle Hybridität in einer rassistischen Gesellschaft sich schwer verwirklichen lässt.

Der Begriff "homing desire" von Avtar Brah bezieht sich auf den Wunsch nach einer imaginären Heimat, die nicht an einen geographischen Ort fixiert ist (Brah 193). Die Afrodeutschen unterscheiden sich von den afroenglischen und -französischen Diasporagruppen indem sie in der Regel weder eine Heimat in Übersee noch eine Gemeinschaft in Deutschland haben. Daher ist der von Brah konzipierte "diaspora space" transnational aufzufassen: es geht nicht nur um eine Begegnung zwischen Einheimischen und Migranten sondern vor allem um eine Begegnung zwischen verschiedenen Minoritäten, die in Bezug auf "Rasse", Klasse und Gender unterschiedliche Strukturen aufweisen. Die Konstruktion der Identität zwischen den Kulturen fordert jedoch auch dazu auf,eine neue Perspektive zur europäischen Geschichte einzunehmen. Die Afrodeutschen stellen schon allein durch ihr Dasein die homogene weisse nationale Identität in Frage, darüber hinaus hinterfragen sie essentielle Identitätskonstruktionen und hegemonische Binaritäten. Die Situation der Afrodeutschen wurde lange übersehen und sie schwiegen auch selbst, bis der zunehmende Rassismus in den 90er Jahren sie bewog, ihre Selbst- und Gegendarstellungen öffentlich bekanntzugeben. Die Anthologie Farbe bekennen (1986) enthielt neben einen historischen Überblick vorwiegend autobiographische Skizzen und Gedichte afrodeutscher Frauen. Die Audre Lorde gewidmete Anthologie Entfernte Verbindungen (1993) definiert den Begriff Schwarze Deutsche politisch und will ihn auch auf andere ethnische Minoritäten ausdehnen.

Die Autobiographien der Afrodeutschen unterscheiden sich von der individualistisch betonten europäischen Traditonen und weisen stattdessen Ähnlichkeiten mit afroamerikanischen Autobiographien sowie mit den Biomythographien kulturell verschiedener ethnischen Minoritäten auf. Caren Kaplan zu Folge stellen insbesondere die Autobiographien der Frauen in der Diaspora eine neue "aussergesetzliche" Genre (out-law genre) dar, die auf transnationale Alliancen gerichtet ist (Kaplan 215). Das Ziel meines Projektes ist herauszufinden, wie die kulturellen Selbstdarstellungen der Afrodeutschen nicht nur die Grenzen der Nationen sondern auch die Grenzen der literarischen Traditionen überschreiten.

Fragen:

  • - Die literarische Tradition der schwarzen Atlantik ist bisher vorwiegend anglozentrisch untersucht worden. Wie erscheint die afrikanische Diaspora in Deutschland als eine imaginäre Einheit?
  • - Wie wird ”Community” in den Selbstdarstellungen der Afrodeutschen konzipiert. Wie wird die Beziehung zwischen ”Rasse”, Klasse und Gender verstanden und definiert?
  • - Wie wird in den kulturellen Autobiographien die essentielle Identität und die moderne lineare Konzeption von Geschichte infragegestellt?
  • - Deutsche Kultur als Ort des Widerstreits zwischen verschiedenen Repräsentationen ?


Das Projekt über die narrative Identität der schwarzen Deutschen entstand aus meiner Untersuchung über die deutschsprachige Migrantenliteratur. Ich habe dabei festgestellt, dass die Konstruktion von Identität in den Narrationen der Afrodeutschen anders ausfiel als in der Literatur der Migranten erster oder zweiter Generation. Obwohl Angst vor dem Rassismus in fast allen Geschichten aus den 90er Jahren sichtbar wird, ist sie in den Texten der Afrodeutschen besonders markant. Andererseits haben die Afrodeutschen weniger Vertrauen in ein gleichberechtigtes Zusammenleben mit der deutsch-deutschen Majorität als viele andere Migranten. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass die befreiende Pespektive des ”dritten Ortes” wie sie von Homi K. Bhabha konzipiert wurde, gerade bei den biologisch hybriden schwarzen Deutschen ausbleibt.

Mein Ziel ist. Die Autobiographien als Darstellungsmedium narrativer Identitäten im Hinblick auf Fragen der kulturellen Identität und der transnationalen Verbindungen hin weiter zu untersuchen. Ein neues und interessantes Gebiet scheint mir dabei die Transnationalität in der Kinder- und Jugendliteratur zu sein.

Literatur:
Brah Avtar (1996): Cartographies of Diaspora. Routledge London and New York.
Faymonville Carmen (2003): ”Black Germans and Transnational Identification”. Callaloo 26.2.2003, 364-382.
Gilroy Paul (1993/1996): The Black Atlantic. Modernity and Double Consciousness. London:Verso.
Hakkarainen Marja-Leena (2004): ”German Home and Hybridity: Reclaiming New Cultural Identities in Selected German Migrant Narratives from the 1990s.” Cultural Identity in Transition. Ed. by Jari Kupiainen, Erkki Sevänen, John A. Stotesbury. Atlantic Publishers and Distributors/Contributors, 191-204
Kaplan Caren (1998): ”Resisting Autobiography: Out-Law Genres and Transnational Feminists Subjects”. Women, Autobiography, Theory. A Reader ed. by Sidonie Smith & Julia Watson The University of Wisconsin Press, 208-216.

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