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Schwarz und dänisch Sein

Nadine Golly





Im Zuge meines Dissertationsvorhaben, welches sich mit afrodeutschen Kindern und Jugendlichen beschäftigt, die in den 50er und 60er Jahren auf eigenen Wunsch nach Dänemark emigrierten, ist auch eine allgemeine Auseinandersetzung mit Schwarzer dänischer Geschichte, mit dänischen Afrikabildern, Stereotypen und Sprachgebrauch notwendig. Eine solche Auseinandersetzung bzw. Aufarbeitung hat in Dänemark bis jetzt kaum stattgefunden.

Dänemark galt in Deutschland, zumindest bis zur Folketingswahl im Jahr 2001, aus der eine konservativ-rechtsliberale Regierung hervorging, als der tolerante und weltoffene nördliche Nachbar. Weitgehend unbekannt war, dass Dänemark eine koloniale Vergangenheit hat, die sich nicht auf Grönland und die Färörinseln beschränkt, sondern auch Westafrika, Indien, China und die Karibik umfasst. Die letzten kolonialen Besitzungen (von Grönland und den Faröer abgesehen) wurden erst 1917, durch den Verkauf der karibischen Inseln St.Croix, St. Jan und St. Thomas an die USA, aufgegeben.

Im Zuge des dänischen Engagements im transatlantischen Dreieckshandels (ab Anfang 18.Jh) kamen auch mehr und mehr Schwarze (teilweise als Freie und teilweise als Sklaven) in das Königreich. Obwohl man im ganzen Land und insbesondere in Kopenhagen auf kolonialhistorische Zeugnisse stößt, wird die Epoche der dänischen Kolonialherrschaft im Allgemeinen unter dem Verdikt der “Marginalität” abgetan.

Bis heute sind rassistische Denkmuster und Verhaltensweisen, deren kolonialer Ursprung nur Wenigen bewusst ist, weit verbreitet. Dies manifestiert sich besonders deutlich in den dominanten Afrikabildern der dänischen Gesellschaft, in denen koloniale Perspektiven ungebrochen fortwirken. Begriffe wie beispielsweise “neger” und “mulat” werden, trotz einer in den 1990ern öffentlich ausgetragenen Debatte, fast durchgehend in Schul-/Universitätsbüchern, Kinderbüchern, (Kinder)Liedern und Zeitungen benutzt und verteidigt.

Da es keine afro-dänischen Zusammenschlüsse auf Landesebene gibt, bleiben Proteste und Gegenbewegungen meist aufgrund der Vereinzelung und der Marginalisierung in den Anfängen stecken.

Ein Teil der Afro-Dänen hat sich die Fremdbezeichnungen aber auch zu ihren eigenen gemacht. So gibt es seit 2004 die erste afro-dänische Sendung im öffentlichen Fernsehen, was zunächst einmal von der Platzierung sehr fortschrittlich erscheint. Der Titel dieser Sendung lautet allerdings “neger-magasinet” (“Das Negermagazin”). Behandelt werden zwar progressive Themen, in der Selbstdarstellung der Schwarzen Moderatoren wird der Titel der Sendung jedoch verteidigt, verbunden mit einem okay für die Weiße dänische Gesellschaft dieses Wort auch weiterhin zur Bezeichnung von Afro-Dänen und Schwarzen in Dänemark zu benutzen.

Wichtige Vorarbeiten, die in der BRD zur Aufarbeitung Schwarzer Deutscher Geschichte und der daraus möglichen Positionierung bereits geleistet wurden, fehlen in Dänemark meines Wissens fast vollständig. Ähnlich wie in Deutschland wird es an den Schwarzen DänInnen liegen, eine Gegengeschichtlichkeit zu entwerfen und Schwarze dänische Geschichte überhaupt freizulegen. Daraus kann eine gestärkte und gemeinsame Repräsentation hervorgehen.

Fragen, die sich u.a. das Forschungsprojekt gestellt hat und die in diesem Kontext relevant sind:

  • Wie nehmen sich Schwarze DänInnen historisch selbst wahr?

  • Findet eine Selbstrepräsentation als schwarz, de-lokalisierte AfrikanerInnen und/ oder als Teil einer internationalen Gemeinschaft statt?

  • Wie gestalten sich die Beziehungen zu Afrika bzw. anderen Teilen der Diaspora?
  • Gibt es ein afro-skandinavisches Bewusstsein?

  • Wie gestalten sich die Beziehungen zu anderen ethnischen Minderheiten in Europa?

  • (Selbst)Repräsentation schwarzer EuropäerInnen als "Eigenes"/ "Fremdes"

  • Gibt es Bestrebungen hinsichtlich Schwarzer Selbstkonstituierungen und politischen Vertretungen?

  • Eine schwarze europäische Forschungsperspektive – Gegengeschichtlichkeit und/ oder akademischer Diskurs?


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