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Schwarze Kinder in Deutschland -Identitätsentwicklung und Ansätze (politischer) Bildungsarbeit im Kontext rassifizierter Machtdifferenzen-

Maisha R. Eggers





I: Kinder als AdressatInnen rassifizierter Machtdifferenzen:
Pädagogisches Ziel meines Ansatzes ist es herauszuarbeiten, wie rassifizierte gesellschaftliche Vorgaben auf normative Weise Eingang finden, in die Lebenswelten von schwarzen Kindern in Deutschland. Die Frage nach den Auswirkungen der Wahrnehmung von Konstruktionen rassifizierter Zugehörigkeit und gesellschaftliche Ausschlüsse durch schwarze Kinder, auf ihre Identitätsentwicklung schließt sich daran an. Meine Ausgangsfragestellung lautet demzufolge: Wie strukturiert Rassifizierung die Wahrnehmung, die Lebenswelten und die soziale Identifikation von schwarzen Kindern im postkolonialen Deutschland?

Meine Arbeit legt ihren Fokus auf kindliche Wahrnehmungen differentieller Macht in Zusammenhang mit Rassifizierung. Insofern knüpfe ich ganz ausdrücklich nicht an die Fülle von kulturalistische Argumentationen und Konzepte von Differenz, wie sie in der gegenwärtigen deutschen migrationsspezifische und rassismustheoretische Forschung üblich sind. Ich versuche statt dessen die Notwendigkeit einer machttheoretischen Analyse der Sozialisations- und Erziehungsbedingungen von schwarzen Kindern in Deutschland zu begründen.

Mein Hauptfokus liegt demnach in der Analyse der in rassifizierten Konstruktionen enthaltene Verweise auf Machtdifferenz. Im Rahmen meiner Arbeit gilt somit meiner Aufmerksamkeit in einem ersten Schritt die Verortung der spezifischen Prägung deutscher Rassifizierung, als eine gesellschaftliche Exklusionspraxis und Ausdruck einer hierachischen sozialen Ordnung. Insbesondere interessieren mich rassifizierte Konstruktionen die direkt und explizit an ein kindliches Publikum addressiert sind. Im Mittelpunkt meines Erkenntnisinteresses steht in diesem Zusammenhang die Frage nach den in rassifizierenden Aussagen und Figurationen enthaltenen Hinweisen auf differentielle Verteilung sozialer Macht, vor allem unter dem Aspekt der Normativität und der Sicherung einer hegemonialen Dominanz weißer Positionen.


II: Schmerzhafte Einsichten und Verlusterfahrungen:
Der zweite Strang meiner Arbeit baut auf der im ersten Punkt beschriebenen Analyse auf und fragt nach dem Umgang von Kindern mit (den wahrgenommenen rassifizierten) Machtdifferenzen und die Versuche ihrer Selbstpositionierungen in diesem kulturell konstruierten Machtgefälle. Meine Hypothese lautet in diesem Zusammenhang, dass Kinder ein berechtigtes Interesse daran haben, Macht zu empfinden, zu erfahren und auszuüben, weil dieses für die Entwicklung und Ausbildung der eigenen Selbstwirksamkeit, d.h. des handlungsorientierten Teils der Gesamtidentität notwendig ist. Wird das kindliche Machtempfinden auf gravierender Weise unterbrochen, unterbunden oder eingeschränkt, müsste dieses demzufolge Auswirkungen haben auf ihr Selbstkonzept sowie allgemein auf die Prozesse ihrer Identitätsentwicklung, hier auch besonders auf ihre soziale Identifikation.

Als gravierende Unterbrechungen von kindlichem Machtempfinden kennzeichne ich im Rahmen meiner Arbeit vor allem gesellschaftliche Prozesse der Exklusion, die sich aufgrund differentieller Machtverteilung auf das persönliche Wirken und die Selbstentfaltung als massiv einschränkend erweisen. Hierzu zähle ich genderspezifische, rassifizierte und weitere Ausschlüsse, die aufgrund sozialer, nationaler oder kultureller Konstruktionen (wie z.B. die kulturelle Konstruktion der Kategorie "Behinderung") in unterschiedlichen Zugängen zu gesellschaftlicher Macht und gesellschaftlichem Einfluss resultieren.

Dieser Teil meiner Arbeit basiert maßgeblich auf einem forschungspolitischen Ansatz. Sie versucht eine Tradition deutscher Forschungen mit schwarzen Kindern nachzuzeichnen. Diese Herangehensweise enthält einenerseits einen historischen Rückblick. In Form eines Überblicks werden die Forschungsinteressen und Ziele deutscher Behörden, öffentliche Träger und WissenschaftlerInnen mit zwei afrodeutsche Gruppen von Kindern thematisiert. Sowohl die erste große Gruppe schwarzer deutscher Kinder, die Generation der afrodeutschen Kinder die als „Rheinlandbastarde“ tituliert wurde, als auch die zweite große Gruppe, die Generation der zweiten Nachkriegszeit die sogenannte „Besatzungskinder“ waren Fokus unterschiedlicher Erhebungen, offizielle Studien und wissenschaftlicher Forschungen. Vor allem die zweite Gruppe wurde mit einem explizit pädagogischen Auftrag „beforscht“. Im Rahmen der „Demokratisierungsaufgabe“ der Nachkriegsrepublik erschien ihr Schicksal und Werdegang maßgeblich mit der zukünftigen Entwicklung und mit dem internationalen Ansehen Deutschlands unentrinnlich verbunden. Meine Arbeit versucht die Zielsetzung dieser deutschen Studien mit den afrodeutschen Kinder zusammenzufassen und der Frage nachzugehen, ob von einer Gemeinsamkeit in ihrer Ausrichtung hinsichtlich der Vermittlung rassifizierter Konstruktionen und damit zusammenhängenden Machtdifferenzen gesprochen werden kann.

Andererseits dient als Aktualisierung und Kontrast eine Zusammentragung diverser quantitativen Studien zu rassifizierte Identitäten von (schwarzen) Kindern. Der konzeptionelle Rahmen dieser Studien wurde in den USA von den schwarzen PsychologInnen Kenneth Clark und Mamie Clark entwickelt. Mein Fokus gilt jedoch spätere Replikationen dieser Studien in Grossbitannien in den Siebziger Jahren (mit Kinder der West Indian – vorwiegend jamaikanischen EinwanderInnen und der East Indian vorwiegend pakistanischen EinwanderInnen), sowie in den Achtzigern mit britischen Mixed Parentage (afrobritischen) Kinder und auch . Verbindendes Untersuchungs- und Vergleichskriterium bildet die Zielsetzung dieser Studien und wie sie das Thema differentielle Macht bzw. die kindliche Wahrnehmung von rassifizierte Machtunterschiede thematisieren.

Mit dem Ansatz der Analyse dieser Studien zur Untersuchung der Selbstwahrnehmung rassifizierter Positionierung durch Kindern verbindet sich insbesondere ein Interesse an der Auseinandersetzung von Kindern mit rassifizierter Positionierung. Qualitative Fragestellungen schließen sich an die ausführlichen Nebenbemerkungen der befragten Kinder und ihre zumindest bezogen auf die schwarze Kinder „extreme Emotional Responses“. Verglichen mit der Entwicklung von Differenzierungsfähigkeiten und die zwangsläufige einschränkende und gewaltsame Zuordnung der Kinder zu gesellschaftlichen Kategorien im Bereich von Gender, wird der Prozess der rassifizierten Differenzbildung und Identitätsentwicklung im Rahmen hegemonialer rassifizierter Zuschreibungen als gekennzeichnet von schmerzhaften Einsichten und Verlusterfahrungen für Kinder beschrieben. In diesem Zusammenhang werden die „extreme Emotional Responses“ wie die Weigerung der Identifikation mit der Kategorie „Schwarz“ oder die Flucht in fiktive weiße Persönlichkeiten durch schwarze Kinder als Verarbeitung dieser schmerzhafte Prozesse verstanden.

III: Kann politische Bildungsarbeit mit Vorschulkindern Sinn machen?
In dem dritten und letzten Strang meines Ansatzes steht die Frage nach angemessene pädagogische Strategien für den Umgang mit rassifizierte Machtdifferenzen im Kontext kindlichen Machtempfindens. Den Prozess der kindlichen Auseinandersetzung mit rassifizierten Positionierungen und ihre Folgen möchte ich als pädagogische Konsequenz folgendermaßen formulieren: Rassifizierte Machtdifferenzen wirken sich folgenreich auf die psychischen Realitäten von (schwarzen) Kindern aus. Kinder zu befähigen einen realistischen und zugleich konstruktiven Umgang mit gesellschaftliche Machtdifferenzen zu entwickeln kann als Aufgabe kritisch-emanzipatorischer Erziehung formuliert werden. Im Rahmen meiner Arbeit soll Rassifizierung als Analysekategorie weniger als eine 'politische Größe' verstanden werden sondern vielmehr als eine 'erzieherische Atmosphäre', also als ein sozial wirksamer, reeller Anteil der Sozialisation von (schwarzen) Kindern in Deutschland.

In diesem letzten Strang verbinde ich zwei Schritte. Erstens versuche ich mit einem Fokus auf „Erziehungsbotschaften“ schwarzer und weißer Elternteile, schwarzer und weißer Erziehungs- und Bezugspersonen von schwarzen Kinder heraus zu bekommen wie sie schwarze Kinder dazu befähigen oder daran hindern sich mit rassifizierte Konstruktionen und die darin implizierte Machtdifferenzen umzugehen. Anhand von gegenwärtigen deutsche Studien mit Müttern schwarzer Kinder sowie aus Erfahrungsberichte afrodeutscher Erwachsener und unter Hinzuziehung diverser weiteren Quellen versuche ich einen Überblick zu erstellen zum erzieherischen Umgang mit Rassifizierung in Deutschland. Ich konzentriere mich auf das von mir zusammen gestellten Konstrukt der „Erziehungsbotschaften“. Vor dem Hintergrund liberalistischer farbenblinden und power-evasiven Kritiken an den Umgang mit rassifizierter Positionierung versuche ich eine Enthematisierung von Machtdifferenzen darin zu untersuchen.

Der letzte Schritt meines Ansatzes versucht eben diese Dethematisierung zum Gegenstand pädagogischer Strategien zu machen. Ich versuche zu begründen warum ich dafür plädiere politische Bildungsarbeit in Zusammenhang mit gesellschaftlicher Machtdifferenzen bereits im Vorschulalter anzusiedeln. Dabei geht es mir weniger um eine vorwiegend inhaltsbezogene Arbeit, sondern vielmehr um verarbeitungsbezogene Herangehensweisen. Idealerweise müssten diese Ansätze (schwarzer) Kinder viel Platz bieten, die höchst emotionale Erfahrungen des Ausgeliefertseins an gesellschaftliche Differenzierungsprozesse, Ausschlussprozesse und die damit verbundene schmerzhafte Einschränkungen zu artikulieren. Fokus sollte demnach die Verarbeitung von ohnehin wahrgenommene hegemoniale Positionierungen sein.

Fragen und Workshopthemen:
Ich kann mir vorstellen, dass ich mit meinem Ansatz entweder in Workshopp (3) Strategien und Positionierungen - Rassismus und Wissenschaftsbetrieb oder Workshop (4) Curriculum Black European Studies passe. Ich interessiere mich auf jeden Fall für beide Bereiche.

Ich habe zwei Fragen die sich auf die offizielle Europapolitik mit Schwarzen Gemeinschaften und schwarze BürgerInnen beziehen.

Erstens wird von der ECRI (Die European Commission Against Racism and Intolerance) sehr stark eingefordert „ethnisch“ spezifizierte Datenerhebungen in Ländern der Europäischen Union durchzusetzen. Das Ziel ist die spezifische Lage und damit auch die spezifische Diskriminierung aufgrund bspw. von rassifizierter Zugehörigkeit „dingfest“ zu machen. „Wie sieht es auf dem Arbeitsmarkt aus, in Ausbildungsbetriebe, auf dem Wohnungsmarkt, im Schulsytem, in der gesundheitlichen Versorgung?“ Diese Bestreben wird regelmäßig in den Länderberichten festgehalten, so auch in dem dritten Länderbericht zu Deutschland.

Bisher gibt es große Widerstände vor allem in Deutschland und es wird sehr kontrovers und emotional diskutiert. Meine Frage dazu ist aufgrund der Komplexität des Themas leider relativ diffus. Aus einer Schwarzen europäischen Perspektive – Wie kann diese „ethnic data collecting“ sinnvoll eingesetzt werden, um die Situation schwarzer BürgerInnen zu verbessern? Wie können (die durchaus berechtigte) Bedenken gegen Völkszählung berücksichtigt werden. Soll nur freiwillig erfasst werden etc. Aufenthaltsrechtlich sind ohnehin alle schwarze BürgerInnen anderer nationaler Kategorisierung außer „deutch“ ohnehin vielfach und gründlich erfasst nur nicht hinsichtlich rassistischer Diskriminierung. Wie kann ein konstruktiver Umgang mit diesem Vorstoß aussehen?

Daran schließt sich eine zweite kurze Frage. Im Anti-Diskriminierungsgesetz und auch in den Richtlinien der ECRI (zum eigenen Selbstverständniss und zu ihrer Aufgabe) sind Definitionen von rassistische Diskriminierung drin die so weit gefasst sind, dass sie eigentlich wieder kommplett unwirksam sind. Gibt es konstruktive Möglichkeiten darauf Einfluss zu nehmen in Stellungnahmen an die jeweiligen Länderbeauftragte mit welchem Inhalt?

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