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Den Diskurs fälschen!: Schwarze deutsche Selbstrepräsentation in der Weimarer Republik zwischen (Post-)Kolonialismus und Transnationalismus

Tobias Nagl





Lange Zeit folgte die akademisch-historiografische Auseinandersetzung mit der schwarzen Präsenz in Deutschland einer unausgesprochenen, wenngleich problematischen Arbeitsteilung. Fragen der Reprsentation wurden in der Form von „images of…“-Analysen an die Literaturwissenschaft verwiesen; die Wiederentdeckung der verdrängten und vergessenen Zeugnisse schwarzer deutscher Biografien hingegen dominierten oftmals Kuriositätensammler, die die Weigerung zur methodischen Reflektion durch einen obsessiven Fetischismus ersetzten. Beide Positionen relegieren dabei die schwarze deutsche Präsenz auf eine subalterne Position sprachloser und passiver Alterität. Dabei reproduzierten sie einen ausschliesslich weiβen Blick auf die deutsche Geschichte, wonach Menschen afrikanischer Herkunft ein Problem der Repräsentation darstellten und nur weiβe Deutsche zur Repräsentation und agency fähig zu sein schienen. Die Frage schwarzer deutscher Artikulation wiederum schien sich so, wenn überhaupt, allein in der Gegenwart zu stellen.

Auch wenn im Archiv der deutschen Geschichte vor 1945, anders als in anderen nationalen Kontexten, nur sehr wenige und bruchstuckhafte Quellen schwarzer deutscher Selbstrepräsentation vorhanden sind, ändert sich dieses Bild fundamental, wenn wir beginnen, überlieferte Narrative „gegen den Strich“ zu lesen und auch die Geschichtsschreibung endliche jene theoretischen Anregungen aufnimmt, die postkoloniale, migrantische und afro-deutsche Intellektuelle und AktivistInnen längst formuliert haben. In meinem Beitrag versuche ich das zu leisten, in dem ich mich den vorhandenen schriftlichen Zeugnissen und offiziellen Darstellungen der „Renitenz“ und des „Eigensinns“ schwarzer Deutscher im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts mit den analytischen Kategorien postkolonialer und schwarzer Cultural Studies nähere und auf Selbstermächtigungsstrategien und Modalitäten der Subjektivität befrage.

Dabei wird ein Bogen gespannt von individualisierten Selbstdarstellungen über die Petitionsbewegung während des Versailler Vertrags bis hin zu den verschiedenen schwarzen deutschen Vereinsgründungen während der Weimarer Republik. Neben Fragen des double consciousness und transnationaler Affiliationen interessiert mich dabei insbesondere das Potenzial dieser frühen afro-deutschen Interventionen, tradierte Vorstellungen des Deutschseins angesichts eines omnipräsenten „weiβen Blicks“ in Frage zu stellen. Einen zentralen Bezugspunkt bildet dabei im Anschluss an Hannah Arendt und Giorgio Agamben die Frage der citizenship, da ehemalige schwarze deutsche „Kolonialuntertanen“ sich nach Ende des Ersten Weltkriegs in einer Situation wiederfanden, in der sie zwischen alle rechtliche Kategorien zu fallen schienen und wie die homines sacri des römischen Rechts auf ihr „nacktes Leben“ reduziert waren.

Den forschungspolitischen Rahmen meines Beitrags bildet mein abgeschlossenes Dissertationsprojekt „Die unheimliche Maschine: Rasse und Repräsentation im Weimarer Kino“. Da für schwarze Deutsche und Kolonialmigranten die herausgehobene Platzierung im Feld des Sichtbaren zu ihrer Alltagserfahrung gehörte, habe ich in dieser Arbeit versucht, nicht nur die Austauschprozesse zwischen visueller Kultur und Rassifizierung analysieren, sondern auch die Handlungsstrategien schwarzer Schauspieler und Komparsen ins Spiel zu bringen, um die historiografische Reproduktion weiβer Dispositive der Alterisierung zu brechen. Damit versteht sich meine Arbeit als Beitrag zur Konstruktion einer schwarzen deutschen und migrantischen Gegengeschichte, die gegenwärtig genauso ausserhalb wie innerhalb der Akademie stattfindet.

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