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Bonamanga – eine entgrenzte Familiengeschichte

S. Michels





1884 unterschrieb Ndumbe Lobe (Bell) zusammen mit anderen Duala-Autoritäten den Vertrag, mit dem die deutsche Kolonie Kamerun begründet wurde. 1902 weilte sein Sohn August Manga Ndumbe (Bell) in offizieller Mission in Berlin, um in der deutschen Reichshauptstadt Reformen für die deutsche Kolonialpolitik in Kamerun einzufordern. Der Delegation gehörte als Dolmetscher auch der Sohn Manga Ndumbes an, Rudolf Duala Manga (Bell), der von 1891 bis 1896 in Württemberg gelebt und dort eine Schulausbildung genossen hatte. Das Leben von Rudolf Duala Manga sollte einige Jahre später vorzeitig ein Ende nehmen; die deutschen Kolonialherren richteten ihn 1914 in Duala hin. Er ist bisher als antikolonialer Held, als Protagonist des kamerunischen Nationalismus sowie auch als prominenter Vertreter der schwarzen Diaspora in Deutschland bekannt.

In unserem Projekt, das erst am Anfang steht, möchten wir die Verbindungen und Gleichzeitigkeiten zwischen diesen verschiedenen Orten und Positionen in den Vordergrund stellen. Noch deutlicher wird dies an seinem Sohn Alexander Ndumb’a Duala (Bell) deutlich. Dieser folgte ihm in seinem Amt nach – allerdings erst 1951. Er war in in Duala geboren, in Deutschland aufgewachsen, dort mit einer kubanischen Frau verheiratet, 1919 nach Paris abgeschoben und erst 1951 in Duala inthronisiert, wo er zu einer der zentralen Figuren in der Dekolonisierungspolitik der Duala wurde.

Die Duala und ihr Verhältnis zu den Deutschen sind bereits Gegenstand vergleichsweise vieler wissenschaftlicher Untersuchungen geworden. Sowohl aus kamerunischer als auch aus deutscher Perspektive betrachtet, nehmen sie einen zentralen Platz in der kolonialen Geschichte ein. Unser Zugang zu dieser Geschichte hat einen biografischen Fokus, richtet sich also auch auf persönliche Überlieferungen innerhalb eines (wenn auch verzweigten) Familiengedächtnisses – ein besonderes Augenmerk liegt dabei auch auf bildlichem Material und den Texten und Subtexten, die diese transportieren. In der dichten Beschreibung dieser Geschichte möchten wir ihre Bedeutung für die vergangenen und gegenwärtigen Identitäten der Bonamanga betrachten.

Die Geschichte der Bonamanga und die Lebensgeschichten zeigen nicht nur Eigensinn und Handlungsmacht, sondern verweisen einmal mehr darauf, dass einfache Dichotomien, wie Kollaboration versus Widerstand, den Ambivalenzen und fragmentierten Konfrontationslinien nicht gerecht werden. Bisher ist Rudolf Duala Manga durch seine politische Funktion im Fokus der Betrachtung gewesen, die Ausweitung der Perspektive auf die gesamte Familie Bell (Bonamanga) soll und kann zeigen, wie konstruiert die Grenzen zwischen Europa und Afrika waren und mit welcher Selbstverständlichkeit Afrikaner und Afrikanerinnen die Möglichkeiten der Zeit nutzten. Die Widersprüche entlarven dabei die (scheinbar) hegemonialen Diskurse um Rasse, Klasse und Nation. Die dichte Beschreibung von Lebensgeschichten widersetzt sich damit Tendenzen diese weiterzuschreiben, sowie rückwirkend zu verfestigen. Indem wir auf die Existenz dieser Personen in Europa und die Existenz Europas in diesen Personen verweisen, versuchen wir die koloniale Denkrichtung umzukehren und auf den Kopf zu stellen. Letztlich existiert nichts ohne Verflechtung mit etwas anderem und so stehen die Lebensgeschichten der Bonamanga paradigmatisch für die histoire croisée, die entangled history.

Durch die Multiperspektivität unserer kleinen Forschergruppe versuchen wir, den colonial bias der zeitgenössischen Texte und Bilder, zu dechiffrieren und durch individuelle Perspektiven zu ergänzen.

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